Wenn, dann richtig...

Berlin, Curry 36, berühmtberüchtigt.
Man hat sich überreden lassen. Mittagessen kann man das ja nun nicht unbedingt nennen und überhaupt...
Aber gut, manchmal gibt man eben nach.
Minimal angenervt, aber dennoch erhellten Gemütes ist man jetzt, schließlich ist Wochenende.
Da ist noch ein Stehtisch frei. Gut, verweilen wir hier einen Moment. Man ist natürlich nicht der einzige Besucher.
Curry 36.
Niemals wird man der einzige Besucher sein.
Mutter und Kind wollen auch ein wenig Platz am Tisch. Man ist sich fremd, aber das ist egal.
Ein Kind hat natürlich nicht viel von einem Tisch, wenn dieser größer ist, als es selbst... Was tun?
Hochgehoben, draufgesetzt.
Viel besser.
Erst jetzt stelle ich fest, das es eins dieser ganz besonders sympathischen Kinder ist. Vielleicht ist es eine Berufskrankheit, dass man soetwas sofort merkt.
Ganz Mutters Tochter.
Ein Prinzesschen.
Thront nun auf dem hohen Tisch.
Immerhin reicht man ihr kein goldenes Tellerchen. Die Plastikgabel als Zeptar in der Hand, hin und hergeschwungen, die Beine baumeln.
Es passiert, was passieren muss. Was solls, ein bisschen was geht immer daneben. So ist das halt bei Kindern. Kein schlimmer Verlust.
Suchende Blicke.
Wo ist es denn hin, das Stück Wurst?
Fragende Blicke.
Schulterzucken, weiteressen.
Fragen Sie mich doch wo es ist. Ich hab es zwar auch nicht gesehen, aber... gespürt habe ich es. Ein leichter Schlag gegens Schienbein.
Werfen wir doch einmal ein Blick drauf.
Kaum nach unten geschaut, zupft auch schon etwas an meinem Hosenbein...
Merke: Ess nie an einer Currywurstbude und habe dabei die Hosenbeine umgeschlagen, erst Recht nicht dann, wenn Kinder und Hunde in der Nähe sind.
Da steht er neben mir, der schmatzende Hund. Schaut mich an, bettelt nach mehr.
Das Herrchen lächelt etwas verlegen und sagt nur: "Ein bisschen Soße ist noch dran."
Ich bin satt.

31.10.09 18:53


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Something is sqeezing my skull

Am Rande Berlins, an einer Bushaltestelle. Schön grün ist es hier, angenehm ruhig. Eben noch zu Besuch in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, nun an der Bushaltestelle.
Ich bin nicht allein. Keine zwei Meter neben mir stehen drei ältere Damen mit einem in weiß gekleideten jungen Mann. Es geht um Nebenwirkungen. Nebenwirkungen von Zyprexa.
Wenn es um Zyprexa geht, dann geht es um
Schizophrenie.
Psychosen.
Es ist schon erschreckend, wozu das menschliche Gehirn in der Lage ist, wozu das menschliche Gehirn nicht in der Lage ist.
Kontrollverlust.
Machtlosigkeit.
Der Bus kommt. Der Bus fährt los. Ein Sitzplatz wird frei. Ich setze mich. Hinter mir zwei junge Frauen. Sie unterhalten sich. Sie unterhalten sich über Schizophrenie.
Studentinnen.
Es geht nicht direkt um Schizophrenie. Auch um Depression, Psychosen, Neurosen... Niemand ist frei davon, es steckt in jedem.
Sie steigen aus. Ich fahre weiter.
Es ist wie ein Tanz auf dem Seil. Viele schaffen es die Balance zu halten. Einige haben keinerlei Schwierigkeiten damit. Manche müssen sich mehr Mühe geben andere weniger. Manche können sie nicht halten, die Balance. Mit Schwäche hat das jedoch absolut nichts zu tun. Es sind andere Kräfte die dort wirken.
Kräfte, gegen die man nur schwer oder gar nicht ankommt.
Zermürbend.
Zerfressend.
Häufig bringen sie aber noch etwas anderes mit sich. Eine Fähigkeit. Sie öffnen neue Gedankenwelten. Eine andere Art des Denkens.
Oft ermüdend.
Kräftezehrend.
Angsteinflößend.
Nicht selten ist es aber auch der Fall, dass mit dem düsteren Monster auch die Genialität kommt.
Kreativität.
Unglaibliche Dinge entstehen, werden freigesetzt. Bilder, Texte, Kunstwerke, Musik, Melodien, Kompositionen, Kreationen.
Schönheit.
Traurige Schönheit.
Melancholie.
Kraft.
Großes.
Kommt man gegen das schwarze Monster an, durch Aufbringung aller Kräfte oder oft auch durch Medikamente, geht auch davon etwas verloren. Manchmal geht es auch komplett verloren.
Was also tun?
Das schwarze Monster kam nicht einfach irgendwoher. Es war schon immer da. Es ist ein Teil des Ganzen, schon immer gewesen. Es zu verbannen bringt Verluste. Mit ihm zu leben funktioniert jedoch auch nicht.

11.9.09 22:14


Projekt Lydia

Wievielen Menschen begegnet man täglich in Berlin?
Wieviele von ihnen nehmen wir wahr?
Wieviele von ihnen nehmen uns wahr?
Wieviele nehmen wir wahr, die wir lieber nicht wahrgenommen hätten?
Wieviele nehmen uns wahr, für die wir lieber unsichtbar geblieben wären?

Es geht genau um diejenigen, die einen immer wieder wahrnehmen, egal wie sehr man sich bemüht, möglichst nicht in ihren Fokus zu geraten. Allerdings geht es um ganz spezielle "Wesen" der eher harmlosen Art.

Eine Begegnung mit ihnen läuft meist folgendermaßen ab:

Bereits aus dem Augenwinkel bemerkt man aufmerksamkeitsgierige Blicke. Diesen gilt es sich zu enthalten, möglichst konsequent. Gelingt einem dies nicht, aus welchen Gründen auch immer, ist das der Startschuss für Phase 2:

"Hi." - unterstrichen mit einem möglichst smarten Grinsen.

Die eigene Reaktion hierauf, spielt keine Rolle. Ob nun ein erwiderndes "Hey", ein desinteressiertes Kopfnicken und wieder wegschauen oder ein ganz konsequentes Ignorieren, es folgt:

"You're nice. Do you speak english?"

Ignoriert man ihn auch jetzt noch eisern, versucht er es höchstens noch einmal mit einem "Hey, come on!" oder einem gebrochenen "Du hast schöne Augen."... ein Versuch, auf deutsch vielleicht besser Punkten zu können.
Antwortet man ihm auf seine Frage mit "A littlebit.", beginnt Phase 3:

"I like your necklace. Whats your name?"
Der Einleitungssatz ist variabel. Auch wenn der Name nicht preisgegeben wird, nach zeit für einen Kaffee fragt er trotzdem. Ist keine Zeit vorhanden, reicht als Ersatz auch die Telefonnummer.

Dies wäre nun der Zeitpunkt fürs Projekt Lydia.

"Jimmy" hieß der Gute, der mich zu diesem Projekt animierte. Auf gebrochenem deutsch erzählte er mir, dass er keinen Job habe und auch keine Freundin. Trotz offensichtlichem Desinteresse kramte er einen kleinen vorgefertigten Zettel mit seiner Handynummer aus seiner Brieftasche. Weil es mir als die einfachste und schnellste Möglichkeit erschien, ihn loszuwerden, nahm ich sie an und steckte sie ein.

Ich habe nun meine eigenen vorgefertigten Zettel in der Brieftasche. Sie sehen genauso aus, wie der von "Jimmy", nur dass über der Handynummer "Lydia" steht. Die Handynummer habe ich einfach übernommen.
Ziel ist es, ein kleines Netzwerk aufzubauen. Ich bekomme eine Nummer, die ich dann unter dem Namen "Lydia" an den nächsten weitergebe, der sie aber nur bekommt, wenn er mir im Gegenzug seine Nummer gibt usw.

So habe ich wenigstens auch meinen Spaß an der Sache, auch wenn ich nicht Mäuschen spielen kann, wenn "Johnny" "Jimmy" anruft und nach "Lydia" fragt, der widerum eine Woche später dann von "Raul" angerufen und ebenfalls nach "Lydia" gefragt wird usw.

6.9.09 19:18


Stinkende Spuren

S-Bahnhof Warschauer Str., der Freitag hat sich vor  ca. einer halben Stunde verabschiedet und aus der S-Bahn fluten unaufhörlich Menschenmassen.
Für Nichtberliner: In der Warschauer Str. und deren abzweigenden Straßen folgt eine Bar, Kneipe, Pizzaria etc. auf die nächste. Aber auch die Straße an sich, gerade der Beriech um den S-Bahnhof herum werden gern als Treffpunkt genutzt.
Ich stehe gerade am S-Bahnausgang, warte noch auf jemanden und fröne, zum Zeitvertreib, mal wieder meinem Hobby. Menschengewusel beobachten. Bei der Menge an Menschen kommt man dort voll auf seine Kosten.
Aber: heute hatte die Nacht ein besonderes Highlight für mich in petto.

Zwischen all den hektischen Schritten der Leute, schlängelte sich ein junger, schwarzer Hund gekonnt durch die Massen. Ihm schien das ganze Geschehen vertraut zu sein, denn ich konnte keinerlei Anzeichen von Verunsicherung oder Angst erkennen, im Gegenteil. Mir schien fast, als hätte er genauso viel Spaß am Gewusel wie ich.
Und dann, dann tut er es. Einfach so. Er scheißt mitten auf den Weg. Ein perfekt palzierter Haufen. Ein wirklich ekeliger Haufen, der aber zum Zwecke meiner Belustigung in seiner Größe und Konsistenz nicht perfekter sein könnte.

Anpfiff. Das Spiel beginnt.

Das erste Opfer findet sich schnell. Die Spitze des Haufens ist bereits auf Reisen.
Es ist dunkel und es ist voll, mich wunderts, dass der ein oder andere doch tatsächlich Kenntnis von dieser Tretmine nimmt. Im letzten Moment wird dann gebremst. Spielverderber.
Oh, da hinten, da kommt einer. Der hats vedient. Einer von denen, die im Laufe der Nacht eine Frau nach der nächsten angraben. Hose in den Socken, während des Gehens laufend mit der Frisur beschäftigt.
Ja, die Richtung stimmt, er läuft direkt drauf zu. Und...und...uuuh. Die, die es verdient haben, haben leider auch immer das meiste Glück. Direkt drübergelaufen, aber nicht reingetreten. Verdammt.
Während man sich ägert, kommt auch schon der nächste Pechvogel. Kommt? Nein, er rutscht. Mindestens 10cm. Ich wünsch mir ein Schild auf dem steht 10.0, die B Note war wirklich Top.
Er war der einzige von allen, der sofort gemerkt hat, was sein Schuh da eben durchleben musste. Alle anderen trugen es wie ein Geheimnis mit sich weiter. Ein Geheimnis, dass spätesten im nächsten geschlossenen Raum keins mehr sein wird.
Der Haufen hat mittlerweile nicht mehr wirklich eine Form. Nach und nach trägt er sich weiter ab. Ein kurzes Leben hat er gehabt. Dennoch werden viele Leute im Laufe der Nacht noch an ihn denken.
Und noch etwas bleibt: Eine mindestens 2 Meter lange braune Spur auf dem Gehweg. Eine Spur, bei der jeder, der sie entdeckt, nur erahnen kann was sich hier gerade zugetragen hat.

22.11.08 14:48


Eine Nacht im Leben eines verlorengegenagenen Feuerzeugs

Ich sitze auf einer Art Sockel nahe einer der beiden großen Bahnhofseingängen am Potsdamer Platz. Es ist gegen 22:00 Uhr. Vor mir eine große freie Fläche, auf der sie wie Ameisen hin- und herwuseln.
Ein paar Meter vor mir auf dem Boden liegt ein grünes Feuerzeug.
Ein Mann im Anzug, mit einem Aktenkoffer kommt die Bahnhofstreppe hinauf. Realtiv zentral bleibt er stehen, zückt einen Stadtplan, schaut sich kurz um und taucht dann für mehrere Minuten in seinem Stadtplan ab. Wie unter einer Käseglocke steht er da.
Einige Meter weiter hinten putzt eine Frau ihrem Shoßhündchen die Kacke vom Hintern. Er kennt die Prozedur und lässt sie machen.
Der Herr mit dem Aktenkoffer ist nun aus seinem Konzentrierten Tun erwacht und läuft bestimmt in eine Richtung.
Das Feuerzeug liegt jetzt ca 3 Meter von seinem Ausgangspunkt entfernt.
Spanische Worte summen in meinem Ohr. Ich schaue hoch. "Äh, Potsdamer Platz? Wo? Mit viele Licht...?" - "Äh, ja, sie sind bereits da." - "Viel Licht!?" - "Achso, ja, zum SonyCenter gehen Sie einfach noch ein Stück weiter, da lang." - "Gracias".
Eben sind die Lichter des "Bahntowers" angegangen. Der gesamte Potsdamer Platz besteht aus "viel Licht!?" Hat man dort eine Weile gesessen, ist man auf dem Weg nach Hause kurzzeitig nachtblind.
Dort wo eben der Mann mit dem Stadtplan stand, steht jetzt ein junger Herr mit einem Gitarrenkoffer. Er schaut nach links, er schaut nach rechts und wartet. Das Feuerzeug hingegen ist schon wieder auf der Reise.
Brummende, schnatternde Geräusche von hinten. Da nähert sich irgendetwas großes. Eine Seniorenreisegruppe zieht im Pinguinmarsch an mir vorbei. Schnell vor einem der Mauerteile aufgestellt, "Knips" und schon wieder verschwunden. Aber die Jugendlichen sind noch da, Einer nach dem anderen, angelehnt, in lässiger Haltung, davorgestellt, Daumen hoch...jetzt grinsen bitte...danke...
"Knirsch", oh, Ende der Reise, mehrere kleine grüne Teilchen liegen jetzt schutzlos da und entfernen sich im Laufe des Abends immer weiter voneinander weg.
Der Junge mit dem Gitarrenkoffer wartet eine gute viertel Stunde an der gleichen Stelle, dann geht auch er...

30.8.08 15:51


Sturmwarnung

Im Konflikt mit mir selbst.
Das Wetter heut entspricht meiner Stimmung.. oder andersherum? Alles grau in grau. Irgendwie ist es ruhiger als sonst. Die Ruhe vor dem Sturm? "Unwetter" ist eigentlich nicht angesagt.
Das wirft mich alles aus der Bahn momentan, damit hab ich nicht gerechnet.
Wenn man mit etwas unglücklich ist, die Situation verändert und merkt, dass man dadurch noch unglücklicher wird, was tut man dann?
Geht man ein Schritt zurück oder versucht man den Sturm über sich ergehen zu lassen mit der Hoffnung, aber Ungewissheit, dass er irgendwann wieder aufhört?
Ich weiß nur nicht, ob ich standfest genug dazu bin.

28.8.08 13:06