Projekt Lydia

Wievielen Menschen begegnet man täglich in Berlin?
Wieviele von ihnen nehmen wir wahr?
Wieviele von ihnen nehmen uns wahr?
Wieviele nehmen wir wahr, die wir lieber nicht wahrgenommen hätten?
Wieviele nehmen uns wahr, für die wir lieber unsichtbar geblieben wären?

Es geht genau um diejenigen, die einen immer wieder wahrnehmen, egal wie sehr man sich bemüht, möglichst nicht in ihren Fokus zu geraten. Allerdings geht es um ganz spezielle "Wesen" der eher harmlosen Art.

Eine Begegnung mit ihnen läuft meist folgendermaßen ab:

Bereits aus dem Augenwinkel bemerkt man aufmerksamkeitsgierige Blicke. Diesen gilt es sich zu enthalten, möglichst konsequent. Gelingt einem dies nicht, aus welchen Gründen auch immer, ist das der Startschuss für Phase 2:

"Hi." - unterstrichen mit einem möglichst smarten Grinsen.

Die eigene Reaktion hierauf, spielt keine Rolle. Ob nun ein erwiderndes "Hey", ein desinteressiertes Kopfnicken und wieder wegschauen oder ein ganz konsequentes Ignorieren, es folgt:

"You're nice. Do you speak english?"

Ignoriert man ihn auch jetzt noch eisern, versucht er es höchstens noch einmal mit einem "Hey, come on!" oder einem gebrochenen "Du hast schöne Augen."... ein Versuch, auf deutsch vielleicht besser Punkten zu können.
Antwortet man ihm auf seine Frage mit "A littlebit.", beginnt Phase 3:

"I like your necklace. Whats your name?"
Der Einleitungssatz ist variabel. Auch wenn der Name nicht preisgegeben wird, nach zeit für einen Kaffee fragt er trotzdem. Ist keine Zeit vorhanden, reicht als Ersatz auch die Telefonnummer.

Dies wäre nun der Zeitpunkt fürs Projekt Lydia.

"Jimmy" hieß der Gute, der mich zu diesem Projekt animierte. Auf gebrochenem deutsch erzählte er mir, dass er keinen Job habe und auch keine Freundin. Trotz offensichtlichem Desinteresse kramte er einen kleinen vorgefertigten Zettel mit seiner Handynummer aus seiner Brieftasche. Weil es mir als die einfachste und schnellste Möglichkeit erschien, ihn loszuwerden, nahm ich sie an und steckte sie ein.

Ich habe nun meine eigenen vorgefertigten Zettel in der Brieftasche. Sie sehen genauso aus, wie der von "Jimmy", nur dass über der Handynummer "Lydia" steht. Die Handynummer habe ich einfach übernommen.
Ziel ist es, ein kleines Netzwerk aufzubauen. Ich bekomme eine Nummer, die ich dann unter dem Namen "Lydia" an den nächsten weitergebe, der sie aber nur bekommt, wenn er mir im Gegenzug seine Nummer gibt usw.

So habe ich wenigstens auch meinen Spaß an der Sache, auch wenn ich nicht Mäuschen spielen kann, wenn "Johnny" "Jimmy" anruft und nach "Lydia" fragt, der widerum eine Woche später dann von "Raul" angerufen und ebenfalls nach "Lydia" gefragt wird usw.

6.9.09 19:18


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Something is sqeezing my skull

Am Rande Berlins, an einer Bushaltestelle. Schön grün ist es hier, angenehm ruhig. Eben noch zu Besuch in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, nun an der Bushaltestelle.
Ich bin nicht allein. Keine zwei Meter neben mir stehen drei ältere Damen mit einem in weiß gekleideten jungen Mann. Es geht um Nebenwirkungen. Nebenwirkungen von Zyprexa.
Wenn es um Zyprexa geht, dann geht es um
Schizophrenie.
Psychosen.
Es ist schon erschreckend, wozu das menschliche Gehirn in der Lage ist, wozu das menschliche Gehirn nicht in der Lage ist.
Kontrollverlust.
Machtlosigkeit.
Der Bus kommt. Der Bus fährt los. Ein Sitzplatz wird frei. Ich setze mich. Hinter mir zwei junge Frauen. Sie unterhalten sich. Sie unterhalten sich über Schizophrenie.
Studentinnen.
Es geht nicht direkt um Schizophrenie. Auch um Depression, Psychosen, Neurosen... Niemand ist frei davon, es steckt in jedem.
Sie steigen aus. Ich fahre weiter.
Es ist wie ein Tanz auf dem Seil. Viele schaffen es die Balance zu halten. Einige haben keinerlei Schwierigkeiten damit. Manche müssen sich mehr Mühe geben andere weniger. Manche können sie nicht halten, die Balance. Mit Schwäche hat das jedoch absolut nichts zu tun. Es sind andere Kräfte die dort wirken.
Kräfte, gegen die man nur schwer oder gar nicht ankommt.
Zermürbend.
Zerfressend.
Häufig bringen sie aber noch etwas anderes mit sich. Eine Fähigkeit. Sie öffnen neue Gedankenwelten. Eine andere Art des Denkens.
Oft ermüdend.
Kräftezehrend.
Angsteinflößend.
Nicht selten ist es aber auch der Fall, dass mit dem düsteren Monster auch die Genialität kommt.
Kreativität.
Unglaibliche Dinge entstehen, werden freigesetzt. Bilder, Texte, Kunstwerke, Musik, Melodien, Kompositionen, Kreationen.
Schönheit.
Traurige Schönheit.
Melancholie.
Kraft.
Großes.
Kommt man gegen das schwarze Monster an, durch Aufbringung aller Kräfte oder oft auch durch Medikamente, geht auch davon etwas verloren. Manchmal geht es auch komplett verloren.
Was also tun?
Das schwarze Monster kam nicht einfach irgendwoher. Es war schon immer da. Es ist ein Teil des Ganzen, schon immer gewesen. Es zu verbannen bringt Verluste. Mit ihm zu leben funktioniert jedoch auch nicht.

11.9.09 22:14